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Carolin Faulhaber

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Stilles Wiederkehren: über das Wissen der Kreisläufe

Jeder Tag beginnt mit einer kleinen Rückkehr. Ich wache auf, sehe das erste Licht am Fenster und brauche eine Weile, bis ich wieder ganz in der Welt angekommen bin. Noch liegt etwas von der Nacht in mir. Ein Rest Traum. Ein Rest Müdigkeit. Ein leiser Übergang zwischen Schlaf und Wachsein.

Oft wirkt es so, als müsse das Leben vor allem vorangehen. Vorwärts, weiter. Hin zu etwas, das klarer, größer, vollendeter ist. Hin zu einem Ich, das ganzer, freier, wahrer ist.

Doch wenn ich genauer hin spüre, bewegt sich das Leben für mich anders. Nicht wie eine gerade Linie. Eher wie ein Atemzug. Wie ein Kommen und Gehen, wie ein Rhythmus, der mich begleitet.

Schon ein einziger Tag erzählt davon. Am Morgen kehrt das Licht zurück. Mein Körper richtet sich auf. Gedanken beginnen sich zu ordnen. Die Welt ruft nach mir. Es gibt das Erste, das erledigt werden will, das Nächste, das sich anschließt. Menschen, denen ich begegne und all die Entscheidungen, aus denen ein Tag seine Form gewinnt. Mit dem Licht beginnt auch in mir Bewegung.

Und abends, wenn die Sonne sinkt und alles weicher wird, kehrt sich auch in mir etwas um. Ich werde langsamer. Ich möchte weniger wollen. Weniger aufnehmen. Weniger erklären. Die Geräusche verlieren ihre Schärfe, die Konturen werden sanfter, und auch in mir wird es stiller. Bis ich schließlich einschlafe.

Für einige Stunden trete ich aus der sichtbaren Welt heraus. Ich lege mich hin, schließe die Augen und verschwinde aus dem bewussten Leben. Während ich scheinbar nichts tue, geschieht etwas in mir. Etwas sortiert sich. Etwas verarbeitet sich. Etwas heilt. Ich schlafe, träume und erneuere mich. Jede Nacht. Immer wieder.

Dieser tägliche Rhythmus erinnert mich daran, dass Leben nicht nur aus Wachsein, Tun und Sichtbarkeit besteht. Sondern auch aus Dunkelheit. Aus Rückzug. Aus jenen verborgenen Stunden, in denen etwas geschieht, ohne dass ich es kontrolliere.

Wie sehr mein Leben auf Licht und Dunkelheit reagiert, spüre ich besonders, seit ich nach vielen Jahren in der Stadt wieder auf dem Land lebe. Im Winter ist die Dunkelheit plötzlich nicht mehr überleuchtet. Sie ist einfach da.

In dieser Zeit beginne ich, dem alten Wissen zu folgen. Wie die Tiere ziehe ich mich zurück, sammle meine Kräfte. Mein Leben wird einfacher und wesentlicher. Ich wende mich dem zu, was nah ist, brauche weniger Außen. Ich werde stiller. Langsamer. Empfindsamer. Meine Sehnsucht nach Geborgenheit wächst. Nach einem Licht, das nicht blendet. Nach Wärme, die bleibt. Nach Räumen, in denen der Tag leiser werden darf. Nach einem sicheren Ort inmitten der Dunkelheit.

Meine Welt wird im Winter kleiner, aber nicht ärmer. Sie wird konzentrierter, stiller, durchlässiger. Ich höre genauer hin und spüre, was mich trägt und was mich erschöpft. Die Dunkelheit nimmt mir etwas von meiner Geschäftigkeit, aber sie macht mir auch ein großes Geschenk: eine andere Nähe zu mir selbst.

Und dann kommt der nächste Frühling. Als Vogelzwitschern am Morgen. Als milderer Wind auf der Haut. Als ein Tag, der nicht mehr ganz so früh endet. Langsam beginnt die Welt, sich zu öffnen und auch meine Energie wendet sich wieder dem Außen zu. Mit dem Licht kehren Bewegung und Neugier zurück, die Lust, hinauszugehen. Die Welt wird größer. Was ich im Winter gesammelt habe, darf nun sichtbar werden.

Für mich liegt die Weisheit der Kreisläufe darin, mich zu erinnern, dass nicht jede Phase meines Lebens hell, produktiv und nach außen gerichtet sein muss. Dass Müdigkeit kein Mangel ist. Dass Rückzug nicht bedeutet, dass nichts geschieht.

Die Natur erzählt mir davon. Sie blüht nicht das ganze Jahr. Sie trägt nicht ununterbrochen Früchte. Sie kennt Zeiten des Wachsens und Zeiten des Loslassens. Sie verliert Blätter, sammelt ihre Kräfte, ruht im Dunkel der Erde. Und während draußen scheinbar nichts geschieht, bereitet sich im Verborgenen schon neues Leben vor.

Und das gilt auch für mich. Es gibt Zeiten, in denen ich zurückkehren darf. Zu mir. Zu meinem Körper. Zu meinem eigenen Rhythmus. Zu dem, was im Lärm des Tages kaum hörbar ist.

Dann ist der Winter nicht nur Dunkelheit. Die Nacht nicht nur Unterbrechung. Der Rückzug nicht nur ein Weniger. Sondern ein Teil des Ganzen. Ein tiefes Ausatmen und – ein tiefes Einatmen.

Category: Poetische Essays

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